Balis Norden - ein etwas anderes Bali

Singaraja, die zweitgrösste Stadt Balis, liegt hoch im Norden und ist der Ort, an dem Händler und Kolonialherren anlegten. Sonnig, multikulturell und weltoffen präsentiert sich die Stadt im Regierungsbezirk Buleleng.

 

Auch der Norden Balis hat geschichtlich einiges zu bieten. Bis im Jahr 1945 war Singaraja die Hauptstadt Balis und Sitz der niederländischen Kolonialherren. Viele chinesische Händler siedelten sich an. Doch die Kommunikation zwischen der chinesischen Kommune und den einheimischen Balinesen blieb dürftig. Im Jahr 1965, nach einem von chinesischen Kommunisten angeführten Staatstreich, kam es zu einem blindwütigen „Rachegemetzel“, bei dem viele „angebliche“ Kommunisten ums Leben kamen. Viele Chinesen nahmen aus Angst indonesische Namen an und wechselten vom „verdächtigen“ Konfuziasmus zum philosophischen Thervada-Buddhismus.

 

Doch sowenig sich die beiden Kulturen auch annähern konnten, die chinesischen Lochmünzen sind aus dem balinesischen Alltag nicht mehr wegzudenken. Noch im 19. Jahrhundert galten diese Münzen als erstes einheitliches Zahlungsmittel in Bali. Bis heute können diese Münzen, die „Pis Bolong“ genannt werden, an jedem Markt gekauft werden. Noch heute werden sie als Beigaben ins Grab, bei Opfergaben, Grundsteinlegungen und Totenverbrennung verwendet.

 

Da Singaraja auch an der Route der Gewürzhändler lag, machten auch Araber, Malaien und Portugiesen hier Zwischenhalt.

 

Die Abgeschiedenheit der Nordküste zog also ein eigenständiges Kulturleben (Tanz, Tempelbau, Musik) nach sich. Auch das Kastensystem ist in dieser Region weniger stark ausgepräft als andernorts.

 

Das Meer im Norden Balis ist für seine ruhigen Gestade bekannt. Kein hoher Wellengang und keine stürmische Brandung hindern Schiffe daran, hier anzulegen. Dies wurde Bali zum Verhängnis, als die Niederländer Mitte des 19. Jahrhunderts die leicht zu erreichenden Anlegeplätze entdeckten. Doch erst einige Jahrzehnte nach ihrer Ankunft schafften es die Niederländer, an den schwer zugänglichen Vulkanbergen weiter südlich nach Bali vorzudringen.

 

Ihren Wunsch nach der Vernichtung der holländischen Besetzer haben die Nordbalinesen aber auf ihre ganz eigene Weise zelebriert:

 

16 Kilometer östlich von Singaraja, was in Sanskrit „Löwenkönig“ bedeutet, kann man an den Mauern der Südseite der Pura Dalem von Jagaraga recht ungewöhnliche Szenen betrachten: Die kunstfertigen balinesischen Steinmetze haben hier Bilder des Untergangs der Besetzer hineingemeisselt: Holländer hocken da neben Monstern und bösen Rangda-Hexen im versteinerten Unglück. Ein  Flugzeug stürzt ins Meer. Mühelos verschlingt ein furchtbares Seeungeheuer ein ganzes Dampfschiff. Die dramatischen Jahre der Widerstandskämpfe haben die Bewohner des kleinen Dörfchens nie vergessen.

 

Seit der internationale Hafen von Singaraja in den Süden nach Benoa verlegt wurde, herrscht wieder eine ruhige und schläfrige Atmosphäre in Balis Norden.

 

Der muslimische Einfluss der Einwanderer ist hier vor allem im alten Hafenviertel und an der Hauptstrasse Jalan Jen Achmad Yani sowie der Jalan Diponegoro zu sehen. Neben der Moschee mit ihrem hohen Minarett sind verschleierte Frauen auf ihren Rollern oder hinter dem Kutschbock der „Dokars“ zu sehen.

 

Moderne Geschäfte, Banken und der versteckt gelegene Hinterhofmarkt Buleleng Pasar finden sich rund um die zentrale Strassenkreuzung Jalan Jen Achmad Yani und Jalan Diponegoro. Auch traditionellere Werte wie Textilien im Stil antiker Buleleng-Seidengewebe und verschiedenste Gewürze werden vertrieben.

 

Auf der breiten Jalan Gajah Mada ist besonders der niederländische Einfluss spür- und sehbar: Im Kolonialviertel können gepflegte Vorgärten und Villen betrachtet werden. Dort findet sich auch die 1928 von den Niederländern gegründete Palmblattbibliothek. Solche Palmblätter können bis zu 100 Jahre überdauern und enthalten vor allem Gedichte, Genealogien sowie Texte über Medizin, Ethik oder Mystik. Zurzeit beschäftigen sich viele Angestellte mit dem Anfertigen von Kopien der Palmblattzeichnungen.

 

Viele Tempel sind hier zu besuchen:

 

Pura Beji von Sangsit, acht Kilometer westlich von Singaraja. An den Tempelmauern prangen wilde Schnitzereien – weit aufgerissene Mäuler, zottige Haare, üppig herunterhängende Brüste und Eckzähne, die den Dämonen spitz und lang aus dem Gesicht wachsen. Die ganze restliche freie Fläche wird von steinernen Blumenketten überwuchert. Auch die Lage des Tempels aus dem 15. Jahrhundert ist sehr malerisch: Der Reisgöttin Dewi Sri gewidmet steht er inmitten bewässerter Reisfelder.

 

Einige hundert Meter weiter Richtung Meer liegt der Unterweltstempel Pura Dalem Sangsit mit seinen deftigen erotischen Reliefs an der Aussenmauer.

 

Vier Kilometer weiter östlich liegt der Tempel Pura Meduwe Karang im alten Dörfchen Kubutambahan. Viele steinerne Figuren aus dem Ramayana-Epos erwarten hier die Vorbeikommenden.

 

Aufgrund der Trockenheit in Balis Norden, verursacht durch die Regenschatten der grossen Gebirgsketten, sind im Ackerbau entlang der Küste noch die „trockenen“ Saaten vorherrschend: Mais, Hülsenfrüchte, Maniok und andere Knollengewächse werden angebaut. Nördlich der Berge werden Plantagen aus Kaffee, Zimt, Vanille, Kardamon und Weintrauben betrieben. Hinter den Plantagen liegt der flache Landstreifen der ca. 150 km langen Küste Bulelengs, wovon der äusserste Südosten mit den vulkanischen Geröllfeldern der trockenste Abschnitt bildet. Erst mit der Einführung von modernen Bewässerungstechniken konnte in einigen Regionen auch Nassreisfeldbau betrieben werden. Nur die Korallengärten wuchern hier üppiger als sonstwo in Bali, was dem Norden wiederum einige wunderschöne Tauchorte beschert.

 

Reisende, die zur Regenzeit im trockenen Norden Zuflucht suchen, bevorzugen die schwarzgrauen Sandstrände des westlich von Singaraja gelegenen Lovinas. In den letzten Jahren entwickelte sich längs des acht Kilometer langen Abschnitts Lovina Beach eine buntgemischte Strandszenerie. Althippies, die inzwischen aus dem touristischen Kuta in den Norden „ausgewandert“ sind, finden hier noch immer ein spätes Magic-Mushroom-Biotop vor und bekommen diese auf Verlangen in Omletts, Bananenyoghurts und gebratenem Reis untergemischt, obwohl Drogen auch hier, wie überall in Indonesien, illegal sind.

 

Lovinas ruhige, beschauliche und trotzdem buntgemischte Atmosphäre haben auch Luxushotels wie das Palma Beach Hotel für sich entdeckt, die dort eine zahlungskräftige Klientel anlocken.

 

Doch obwohl auch in Balis Norden Betonburgen entstanden, konnten die dazwischen liegenden Fischerdörfer Anturan, Tukad Mungga, Kalibukbuk, Kaliasem und Temukus ihre Authentizität beibehalten und blieben eine intakte Gemeinschaft mit einfachen Palmhütten, kleinen Warungs und blank gescheuerten Petroleumlampen, die allabendlich auf die Bambusausleger der Boote gebunden werden und dann zu Hunderten über die samtschwarze Bali-See tanzen.

 

An Lovinas Stränden werden auch Touren angeboten, um die dort vorbeiziehenden Delphinschwärme zu besichtigen.

 

Eine weitere Besonderheit des Nordens ist der einzige buddhistische Mönch Balis namens Biku Giri Rahito, der an einem Hügel über dem geruhsamen Dorf Dencarik bei Banjar, etwa acht Kilometer südwestlich von Lovinas Kalibukbuk, in einem schön angelegten buddhistischen Tempel lebt. Zum Greifen nah scheinen die dicht bewaldeten Berge und Gewürzplantagen des Hinterlandes von der kühlen Steinterrasse des lauschigen Klosters Brahma Wihara.